Studentensommer 1978

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Goldgeschmückte Fresken, zahlreiche Schnitzereien und Ikonen schmückten den Eingang des im elften Jahrhundert gegründeten Höhlenklosters und die neben ihm befindlichen Uspenijekathedrale. Eine bunte, ellenlange Men-schenschlange wartete gleichmütig am Eingang zur Besichtigungstour des Klosters. Schritt für Schritt bewegte sie sich in den dunklen Schlund.
"Lodi, da kommt ja nirgends jemand raus?"
"In den unten liegenden Höhlen sind Mumien aufgebahrt", mischte sich Alex ein.
"Na, vielleicht behalten die Mönche einige interessante Exemplare von uns gleich hier, um sie einzubalsamieren", meinte Lodi grinsend.
Wir lachten etwas verkrampft. Die Angelegenheit schien uns nicht ganz geheuer.

Nach einer unzählbaren Anzahl von Trippelschritten passierten auch wir die Pforte zur gespenstisch wirkenden Krypta. Eine steile, dunkle Treppe führte durch ein Labyrinth enger Gänge nach unten zum Ort der Verdammnis. Leise und vorsichtig nahmen wir unter dem mageren Schein funzeliger Beleuchtungskörper Stufe für Stufe. Ich hörte mein Herz pochen, meine Knie wurden etwas weicher, und ein gegenstandsloses, leichtes Grauen fiel mich an. Ein bleierner, modriger Atem schlug mir entgegen. Noch immer stapften die Besucher, aufgefädelt wie auf einer Perlenkette, unaufhörlich die Treppe hinab. Niemand kam uns entgegen. Nur das leise Scharren der Schuhe auf den sandigen Stufen und ehrfurchtsvolles Murmeln war vernehmen. Es war der Weg zur Hölle, ein Weg ohne Wiederkehr. Unzählige zusammenhanglose Gedanken wirbelten mir durch das Hirn. Ich mußte an Edgar Allan Poe denken, an sein "Lebendig begraben". War das, was hier geschah, alles tatsächlich, oder spielte mir mein Unterbewußtsein einen Streich?



aus: Kascha