Balkantour mit Ulf 1977

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Veliko Tirnovo, tausendjährige Stadt im malerischen Jantratal, vom zwölf-ten bis vierzehnten Jahrhundert sogar Hauptstadt des zweiten bulgarischen Reiches, wuchs an den felsigen Ufern des im Balkan entspringen Flusses empor, inmitten einer europäischen Miniaturausgabe des Grand Canyon, in gebührender Entfernung die Felsformationen, die diesem Tal das charakteristische Gepräge verleihen. Noch heute zeugen die Ruinen des Zarenpalastes und der Balduinturm von Krone und Zepter, von Macht und Reichtum, von begehrenswerten Burgfräulein, wagemutigen Rittern und deren Knappen.

Weiß, rot und grün sind die Farben, die diese Stadt beherrschen, so wie die Landesfarben des bulgarischen Staates. Es ist das Weiß frisch gefallenen Schnees, das Weiß der Kirschblüten im Mai, das Weiß von Gänsedaunen, das Weiß der Zähne eines lachenden Negers, das Weiß der Perlen aus der Auster, das Weiß in all seinen Nuancen, das Tagesgestirn reflektierend, im Halbschatten sich ins Gräuliche verwandelnd; es ist das Weiß der Fassaden der Häuser des geschickten Handwerkers, des gewitzten Kaufmanns, des gesetzestreuen Beamten, des arbeitsamen Bauern, des zuvorkommenden Wirtes; es ist das dieses vielschichtige Weiß, das den ersten Part der Farbtri-ade bildet. Es ist das Rot der untergehenden Sonne, das Rot frischen Blutes, das Rot einer frisch aufgebrochenen Blüte einer Rose, das Rot des schlauen Fuchses, das Rot des winzigen Marienkäfers, das Rot in all seinen Schattie-rungen, das von Dächern eben dieser Häuser strahlt; es ist das Rot, das den zweiten Teil dieser Dreiheit ausmacht. Es ist das Grün des hüpfenden Laub-frosches, das satte Grün der taubenetzten Wiese, das dunkle Grün der Tan-nen im Wald, das freundliche Grün frühlingserwachter Lärchen, das giftige Grün spuckender Galle, das Grün in den verschiedensten Abstufungen, das von den selben Häuser sich emporrankt, sich an ihnen entlang windet, in den Gärten wuchert, Schatten bildet, Ruhe anbietet, süße Früchte trägt; es ist das Grün, das dieser Dreieinigkeit zu einer vollendeten Harmonie verhilft.



aus: Reisschleim