© alter Cherusker 2004
Wartburg

Über dem Grün des Laubwaldes thronte ein Bauwerk in der Sonne. "Die Wartburg", sagte ich, und blieb für einen Moment stehen, als würde ich den Hufschlag der Pferde hören, die einst Grafen und Ritter über das Gebirge trugen. Graf Ludwig, auch der Springer genannt, erbaute die Wartburg im Jahr 1067.
Von dem Platz vor der Zugbrücke aus hatten wir einen wunderbaren Blick auf den Bergfried mit dem goldenen Kreuz, der sich über weiße Mauern mit dunklem Fachwerk erhob. Wir betraten die Burg durch das dicke Eingangstor hinter der Zugbrücke. "Bei deinem Eintritt in die Burg, lass deine Sorgen im Tal", mahnte ein Dekret am Eingangstor.

Wir staunten über die Wandgemälde im Sängersaal. Der Maler Moritz von Schwind hatte gemalt, was die Sage vom Sängerkrieg auf der Wartburg berichtete. Der Glanz des Thüringer Hoflebens erreichte unter der Herr- schaft des Landgrafen Hermann I. seinen Höhepunkt. Die berühmtesten unter den Minnesängern und Dichtern, die auf der Wartburg weilten, waren Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach.

In der Elisabethkemenate hatten erst- klassige Künstler aus Millionen von kleinen Steinchen prachtvollen Mosaike an Decken und Wände gezaubert. Die ungarische Königstochter, Elisabeth, wurde im Alter von vier Jahren in Begleitung von kostbaren Geschenken auf die Wartburg gebracht. Mit vierzehn heiratete sie Ludwig IV. Glanz und Rum wollte sie nicht. Sie sah ihre Lebensaufgabe darin, Gott zu dienen und den zahllosen Hungernden, Kranken und Waisen zu helfen. Sie gebar drei Kinder und starb im Alter von nur 24 Jahren. Bereits ein Jahr später wurde sie heilig gesprochen.

In dem prunkvollen Festsaal unter dem Dach des Palas hatte der Komponist Franz Liszt, Hofkapellmeister von Weimar, sein Oratorium "Die Legende von der heiligen Elisabeth" zum ersten Mal dirigiert. Der große Saal der Burg funkelte in solch einer Pracht und in solch einer Herrlichkeit, dass König Ludwig II. von Bayern ihn im neunzehnten Jahrhundert in seinem Märchenschloss Neuschwanstein nach- bauen ließ.

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