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   Kyrgyzstan? Wo liegt denn das? Fragende Blicke und ungläubige Gesichter begegneten uns, sobald wir jemandem von unseren Reiseplänen berichteten. Kyrgyzstan, die Schweiz Mittelasiens, dreimal so gross wie Bayern, das Land der Sonne, hoher verschneiter Berge und tiefer Schluchten, durch die reissend das Tauwasser der Gletscher sprudelt. Malerische, edelweissübersäte Almen, Bergseen so leuchtend wie Türkise, üppige Wälder und weite Ebenen machen dieses Land zu einem Mekka für jeden Abenteurer und Bergsteiger.

   Schon bei der Ankunft in der kirgi- sischen Hauptstadt Bischkek staunten wir über deren Lebendigkeit und grosszügige Gestaltung; vierspurige Alleen durchziehen diese moderne Stadt wie ein Schach- brettmuster, Fahrzeuge aller Fabrikate und Alter hasten über den holprigen Asphalt.

   In dieser Stadt, 800 Meter über dem Meer, scheint an über 300 Tagen im Jahr die Sonne. Diese strahlende Heiterkeit scheint sich auf das Gemüt der freundlichen und aufgeschlossenen Men- schen zu übertragen. Die Jeans arrangiert sich mit den grauen Anzügen der Geschäftsleute, folkloristische Ak-Kalpaks (weisse Filzhüte) treffen auf europäischen Chic. Die Mädchen tragen Röcke in allen Längen und Varianten und stelzen auf ihren Plateausohlen genau wie in Europa. Eingekauft wird auf einer der riesigen Basare oder an einem der unendlich vielen Stände an den Straßen.

Tian Shan - das Himmelsgebirge
   Kirgisien lebt in und mit den Bergen. Mehr als 85% des Landes liegen über 1500 Meter, 40% ragen sogar mehr als 3000 Meter über den Meeresspiegel empor. Einer der schönsten und höchsten Gipfel ist der Khan Tengri, der mit seiner Höhe von 6995 Metern weit über die Wolkendecke hinausragt. Die Bergketten werden nicht ohne Grund Tian-Shan - "Himmelsgebirge" genannt.
   Hier ist die Natur noch in ihrer Ursprünglichkeit erhalten, hier kann der Mensch das Wunder der Natur erleben, namenlose Gipfel betreten, die noch keinen Schuh gespürt haben, klares Wasser aus einer der 40000 Quellen trinken; Yaks sind hier genauso beheimatet wie Schneeleoparden und Königsadler.
 Sanfte, grasbewachsene Dreitausender

   Verlässt man die Hauptstadt in Richtung Süden, erreicht man nach einer guten Autostunde über eine schlaglochreiche Gebirgsstrasse die Thermalquellen von Issyk-Ata, einem Kurort in 1800 Meter Höhe.

   Dreitausender säumen das Tal, doch wirken sie wie sanfte, grasbewachsene Hügel. Eine erste Wanderung führte zu einer Jurta, dem Wunderwerk eines unbekannten antiken Architekten, der Sommerbehausung des Koitschumane, des kirgisischen Hirten. Erstaunliche Ordnung und Sauberkeit erwartete uns in der Jurta, die traditionsgemäss nur auf Strümpfen betreten werden darf. Nach altem Brauch bekommt man als erstes eine Schale Kumys, die legendäre Stutenmilch, gereicht. Später konnten wir ein Bad in der Thermalquelle bei angenehmen 38° Celsius geniessen und den majestätischen Viertausender am Ende des Tales thronen sehen.

   Wieder ging es in die Berge. Diesmal führte uns der Weg in das nur wenige Kilometer entfernte Tal der Ala-Archa auf 2100 Meter Höhe. Steil abfallende Dreitausender säumten unseren Weg entlang des Flusses. Wilde Gletscherbäche, riesige Felsbrocken und Geröll mussten wir über- winden, um endlich auf einer Bergwiese wilde Erdbeeren zu kosten. Wir lagen nur da, atmeten diesen würzigen Geruch der Kräuter, hörte das Summen der Bienen und das immer währende Gemurmel des nahen Baches, sahen Wolken wie Steinböcke von Gipfel zu Gipfel hüpfen.

In einem der vielen Parks von Bishkek
Kök Böro - ein Reiterspiel

   Pferde gehören zu den Kirgisen wie das Salz in die Suppe. Kein kirgisisches Fest ist deshalb denkbar ohne Reiterspiele wie das weit verbreitete, uralte Kök Böru. Hier werden den Reitern gekonnte Pferdeführung, Kraft, Gewandtheit, Schnelligkeit und gute taktische Fähigkeiten abverlangt.

   Das an eine Wolfsjagd erinnernde Kök Böru wird heute mit einem toten Schaf gespielt:

   Zwei gegnerische Mannschaften haben die Aufgabe, das Schaf in das Tor des Gegners zu werfen, das einem Vulkantrichter gleicht. Begleitet von den leidenschaftlichen Gefühlsausbrüchen der Zuschauer entwickelt sich dabei ein höchst dynamischer und mitreissender Kampf. Bei hohem Tempo werden von den Mann- schaften Defensiv- und Offensivtaktiken eingesetzt, während das Publikum begeistert mitfiebert.

 
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